Dienstag, 14. September 2010

Interview mit dem Biologen Christoph Jung über die Rassehundezucht in Deutschland

Der Biologe und Psychologe Christoph Jung fordert seit vielen Jahren eine Wende in der Hundezucht!

Mit dem "Schwarzbuch Hund" ist es Christoph Jung gelungen, eine kritische und umfassende Abhandlung über den Rassehund zu schreiben.
Er ist Begründer der Tierschutzinitiative Petwatch und Sprecher des Dortmunder Appells für eine Wende in der Hundezucht.

Für die geplante Erneuerung des Tierschutzgesetzes in Deutschland wurde Jung zur Anhörung in den Bundestag eingeladen, wo er über Missstände in der Zucht und im Hundehandel aufklärte.

Ich freue mich mit Christoph Jung ein Interview führen zu können, dessen Geburtsstadt übrigens Mönchengladbach ist.

Hund-MG:
Herr Jung, wer sich noch nie mit dem Thema Qualzuchten und Hundehandel beschäftigt hat, wird nicht verstehen, wo das Problem liegt! Können Sie, zum Einstieg in das Thema erklären, weshalb Sie eine Wende in der Hundezucht fordern?


C.J.:
Der Hund ist der engste Partner des Menschen und es gibt kein anderes Lebenwesen, das sich so konsequent auf den Menschen orientiert. Mensch und Hund haben eine über 20.000 Jahre lange Geschichte der Zusammenarbeit. Hunde waren bis vor 1.000 Jahre in den meisten Kulturen hoch geschätzt und angesehen, wie wir es z.B. anhand zahlreicher Hundegräber und gemeinsamer Bestattungen von Mensch und Hund lesen können. Durch die Veränderungen der Produktion werden die allermeisten Hunde heute nicht mehr für die Arbeit gebraucht. Sie sind Begleithunde geworden. Sie müssen sich nicht mehr durch körperliche oder mentale Höchstleistungen beweisen. Mit Einführung der modernen Rassehundezucht vor 150 Jahren wurden die Rassen standardisiert und eine genetische Abgrenzung eingeführt. Äußere Merkmale, die als angeblich typisch für jede Rasse definiert wurden, standen nun im Mittelpunkt. Um solche typischen Merkmale schneller herauszubilden wurde kräftig Inzucht betrieben. Die einseitige Selektion auf äußere Erscheinung, die Inzucht und extreme Betonung angeblich typischer Körpermerkmale haben die gesundheitliche Situation vieler Hunderassen inzwischen ruiniert. Überall schießen Tierkliniken aus dem Boden, die die Fehlleistungen der Zucht reparieren müssen. Die Lebenserwartung der Hunde liegt bei durchschnittlich nur noch 7-9 Jahren, normal wären etwa 12-15 Jahre.

Hund-MG:
Auf der Suche nach einem seriösen Züchter vertrauen viele einfach den großen Zuchtverbänden in Deutschland! Wie sehen Sie die Rolle die diese Verbände einnehmen, wenn es um die geforderte Wende in der Hundezucht geht?


C.J.:
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Die Hundeverbände unterliegen keinerlei unabhängiger Kontrolle. Sie kontrollieren sich lediglich selber und das hat noch nie und nirgendwo funktioniert. Es gibt keinerlei ernsthafte Transparenz über die Ergebnisse der Zucht. Kennen Sie eine Statistik über das erreichte Lebensalter der im VDH gezüchteten
Hunde oder die Krankheiten an denen sie starben oder überhaupt Zahlen zur gesundheitliche Situation etwa von der Tierärztekammer? Jede Salatgurke beim Discounter hat mehr echte Kontrolle hinter sich als ein Welpe, selbst wenn dieser aus einem VDH-Zuchtverein kommt. Wie soll man in etwas vertrauen, das sich selbst echter Kontrolle und Transparenz
entzieht?

Hund-MG:
Bleiben wir beim seriösen Züchter! Beschreiben Sie uns doch bitte, was Sie unter einem seriösen Züchter verstehen! Wie kann der zukünftige Hundehalter einen seriösen Züchter finden?


C.J.:
Leider kann man das nicht einfach definieren. Als seriös bezeichne ich Jemanden, der seine Welpen nicht zu Lasten der körperlichen und mentalen Gesundheit der Rasse züchtet. Es erfordert viel Kenntnis von Genetik allgemein und der Rasse speziell sowie einer Menge an Erfahrung und Intuition, die richtigen Hunde für eine Verpaarung zusammenzustellen.
Dabei sollte natürlich nicht primar nach dem Äußeren oder etwa Championaten vorgegangen werden. Ein seriöser Züchter verzichtet in der Regel auf künstliche Besamungen und andere medizinische Krücken. Dann müssen die Welpen gut sozialisiert werden. Ein seriöser Züchter gibt seine Welpen nur in geeignete Hände. Da ist es von Rasse zu Rasse sehr
unterschiedlich, wer als passender Käufer in Frage kommt. Ein seriöser Züchter würde einen Rottweiler-Welpen nie in die Hände von Leuten geben, die nicht selber gefestigt und seriös im Leben stehen. Ein seriöser Züchter bleibt in Kontakt mit seinen Welpenkäufern auch über das Kaufdatum hinaus. Er kümmert sich notfalls auch um in Not
geratene Hunde aus seiner Zucht. Das Kümmern um Nothunde ist im übrigen auch ein untrügliches Indiz für die Seriösität eines Zuchtvereins. Ein seriöser Züchter geht offen mit den gesundheitlichen Problemen seiner Rasse um und berichtet gerne von den Maßnahmen, die er ergriffen hat, um diese zu bekämpfen. Entsprechend geht er offen mit den Unterlagen um, etwa den Stammbäumen der Eltern und den Ergebnissen der Tests und Gesundheitsuntersuchungen. Ein guter Züchter legt auch Wert auf den Besuch der Interessenten und wird ein Muster seines Kaufvertrages vor dem Kauftermin ausreichen. Ich persönlich sehe es immer als ein gutes Zeichen, wenn der Züchter Treffen seiner Welpenkäufer organisiert.
Züchter, die etwas zu verbergen haben, fürchten geradezu den Kontakt der Welpenkäufer untereinander.

Hund-MG:
Betrachten wir die gesundheitlichen Probleme der Rassehunde, kommt schnell die landläufige Meinung auf, der Mischling sei doch viel gesünder. Wie sehen Sie das?


C.J.:
Es ist ein Effekt der Genetik, Heterosis genannt, dass die Kinder zweier Tiere, die kaum miteinander verwandt sind, in der Regel vitaler und langlebiger sind als der Durchschnitt. Auf Mischlinge als Alternative zum Rassehund zu setzen, löst aber keines der Probleme der Zucht, weicht diesen nur aus.

Hund-MG:
Es gibt Tierschutzorganisationen, die ein generelles Verbot der Rassehundezucht fordern. Sie sprechen sich aber für die seriöse Rassehundezucht aus! Wo sehen Sie die Vorteile der Rassezucht und weshalb brauchen wir Rassehunde?


C.J.:
Ich bin sogar der Meinung, dass Rassehundezucht für den Tierschutz evident wichtig ist. Die verschiedenen Rassen unterscheiden sich in ihrem Wesen doch noch viel mehr als in der äußeren Erscheinung. Ein Mops ist ein ganz anderer Typ Hund als ein Border Collie oder ein Jack Russel Terrier. Wenn ich mich vor dem Kauf sorgfältig damit beschäftige, was
ich für einen Typ Hund haben will und was ich dem Hund auch tatsächlich bieten kann, kann ich das genau passende Paket Hund unter den mehr als 300 Rassen auswählen. Das ist ein enormer Vorteil für ein glückliches Zusammenleben von Mensch und Hund und auch für die Gesellschaft allgemein. Der passende Hund zum passenden Menschen. Der Rassehund als
solches ist nicht das Problem. Das Problem ist die heutige Zucht und Haltung, die keinerlei Mindeststandards und Kontrolle unterliegen.

Hund-MG:
Geiz ist geil und für die, die beim Hundekauf aufs Geld achten, gibt es auf dem Markt einen Rassehund schon zum kleinen Preis. Sie kritisieren diesen Billighundehandel, der aus dem Hund ein Wegwerfprodukt für die Massen macht. Ist nicht umgekehrt zu befürchten, dass der Hundehandel erst richtig lukrativ wird, wenn Hundehalter glauben, ein Hund müsse
teuer sein und nur dann ist ein Züchter auch seriös?


C.J.:
Aus Sicht der Hunde und auch aus Sicht unserer Gesellschaft gibt es keinen einzigen Grund, einen Hund nicht ausschließlich vorort beim Züchter oder im Tierheim zu erwerben. Das Handeln mit Hunden ist alleine dem Profit geschuldet und geht immer auf Kosten der Gesundheit und Sozialisation der Welpen. Welpen, die als Ware bei einem Händler "sozialisiert" werden, sind die Problemhunde der Zukunft.

Allerdings: Die Leistung eines seriösen Züchters sollte auch angemessen entgolten werden. Es muss endlich Schluss gemacht werden mit der Heuchelei einer "Zucht ausschließlich aus Gründen der Liebhaberei" wie es im Statut von VDH und FCI heißt. Das geht weit an der Realität vorbei. Die Zucht von Rassehunden war von Anfang an kommerziell ausgerichtet. Und das muss nicht einmal schlimm sein. Warum soll denn der Züchter von Hunden keine kommerziellen Interessen verfolgen in einer Gesellschaft, wo eigentlich alles auf Gewinn ausgerichtet ist? Nur muss die Zucht wirklich professionell organisiert sein und darf nicht zulasten der Gesundheit und des Wohls der Hunde gehen. Eine professionelle Zucht wird auch kein Problem mit Mindeststandards und einer unabhängigen Kontrolle haben, wie sie in praktisch allen anderen Bereichen unseres Lebens schon längst Standard ist.

Hund-MG:
Sie schreibe, ein Tierheimhund kommt fast nie von einem seriösen Züchter! Was passiert mit den Notfällen, dieser Züchter?


C.J.:
Das fängst schon damit an, dass der Züchter seine Welpen nur in seriöse Hande gibt. Die Welpenkäufer selbst haben ihre Ernsthaftigkeit gezeigt, indem sie sich bereits ein oder besser zweimal vorort beim Züchter umgeschaut haben. Seriöse Züchter bleiben ein Leben lang in Kontakt mit den Welpenkäufern und organisieren auch den Kontakt untereinander.
Manche haben sogar eine Klausel im Kaufvertrag, dass der Hund im Zweifeslfall an den Züchter zurückgegeben werden muss. Seriöse Zuchtvereine haben zudem eine eigene Stelle für Nothunde. Die so organisierten Halter einer Hunderasse haben oft untereinander Vereinbarungen abgeschlossen, die die Aufnahme der Hunde für den Notfall absichern.

Hund-MG:
Ein heißes Eisen ist der Auslandstierschutz! Kritiker und Befürworter gibt es viele! Welche Meinung vertreten Sie, was den Import von Hunden aus dem Ausland betrifft?


C.J.:
Wir können nicht das ganze Hundeelend der Welt nach Deutschland importieren. Maßnahmen müssen vorort getroffen werden, wie die Entwicklung einer anderen Haltung zum Hund oder Sterilisationsprogramme für Straßenhunde. Und wir sollten uns vor allem an der eigenen Nase packen. Das Hundeelend in Deutschland ist real noch größer als das auf Mallorca. Nur ist es hier nicht so plakativ sichtbar. Den Hund, der wegen einer angezüchteten Erbkrankheit mit 3 Jahren eingeschläfert werden muss, sieht man nicht mehr. Das massenhafte Hundeelend in Deutschland ist still und verschwiegen und Hunde weinen nicht.

Hund-MG:
Durch eine Wende in der Hundezucht würde es zu weniger aber dafür gesündere Hunde in Deutschland kommen. Das auf den ersten Blick positive Ergebnis, blieb nicht ohne Folgen für die Menschen, die mit Hunden ihr Geld verdienen. Ich denke da an den Heimtiermarkt, Futtermittelhersteller, Tierärzte, manchen Hundezüchter und Hundeschulen. Die Umsetzung Ihrer
Forderungen bedeutet massive Geldeinbußen für einen ganzen Industriezweig! Spüren Sie schon den Gegenwind der Industrie?


C.J.:
Das ist ein ganz entscheidender Punkt. An dem Elend der Hunde verdient eine mächtige Industrie mit nicht weniger als 5 Milliarden Umsatz im Jahr alleine in Deutschland. Mit einer Gesundung der Zucht würden massenhaft Tierärzte arbeitslos, die Vetpharma-Inudstrie massiv Umsatzeinbrüche erleiden. Die Züchter könnten ihre Welpen nur noch alle
12 Jahre an den Mann oder die Frau bringen. Auch die Pet-Fastfood-Industrie hat ein Interesse an möglichst vielen Kunden. Und kränkliche Hunde erhalten dann auch noch das superteure Diät-Futter. Die Petfood-Lobby ist auch die mächtigste Kraft gegen höhere Standards in der Zucht. Am Rande der Beratungen in Berlin wurde berichtet, dass die
Agrar- und Nahrungsmittelindustrie massiv gegen höhere Standards in der Hundezucht eintritt, nicht zuletzt auch weil sie eine Vorbildfunktion für die Nutztierzucht verhindern will. Ein NDR-Redakteur, der einen Film zum Thema machen wollte und daher mit mir in Kontakt stand, berichtete mir, dass das Thema von höchster Stelle abgesetzt wurde. Man fürchtete den Abzug von Werbegeldern. Das Volumen der TV-Werbung für Petfood ist das neunt größte überhaupt. Konzerne wie Mars haben zudem ein umfassendes Netzwerk in der ganzen Hundeszene, vom VDH über den Deutschen Tierschutzbund, die Universitäten und die Hunde-Medien.

Hund-MG:
Sie sind seit Frühjahr 2010 als Berater für unsere Regierung tätig. Hier klären Sie über Mißstände in der Hundezucht und im Hundehandel auf. Falls Sie alleine die Möglichkeit hätten das Tierschutzgesetz in Deutschland zu ändern, was würden Sie unbedingt gesetzlich verankern wollen?


C.J.:
Ich bin als Berater für die Fraktion der Grünen im Bundestag tätig. Diese arbeitet federführend an der Novelle des Tierschutzgesetzes. Zum einen würde ich mir wünschen, dass die Qualzuchttatbestände wie sie im Gutachten von 1999 aufgeführt sind, aktualisiert werden und praktisch wirksam rechlich bewehrt werden. Die hier aufgelisteten Qualzuchttatbestände werden von der Zucht, auch im VDH, weitgehend ignoriert. Dann solllte man Mindeststandards für die Zulassung als Züchter sowie als Zuchtverein einführen. Auch sollte es Mindeststandards für die Haltung geben. Der Hundehandel gehört verboten. Schließlich sollte eine unabhängige Einrichtung geschaffen werden, die die Qualität
der Zucht überwacht, also eine Art TÜV der Hundezucht.

Hund-MG:
Wo sehen Sie Verkettung zwischen Hundehalter, Züchter, Hundehandel und den Beißunfälle vergangener Jahre? Wie können wir Risiken minimieren?


C.J.:
Dieser Wildwuchs in der Zucht, ja man könnte sagen der Verlust jeglicher Ethik in der Produktion von Hunden erfasst natürlich auch das Wesen der Hunde. Hunde werden nicht selten gezielt auf Aggressivität gezüchtet, weil es in einschlägigen Kreisen einen Markt hierfür gibt. Und selbst die kräftigesten Hunde werden von Vermehrern und Hundehändlern wahllos
an jeden abgegeben, der den Welpenpreis bezahlt. Vom Gesetz her haben sie auch nichts zu befürchten. Der Staat geht dabei den bequemen Weg. Der Hund, der selbst nur das erste Opfer dieser staatlich geduldeten Missstände ist, macht sich immer gut als Prügelknabe. Die oft vielfach vorbestraften Halter handeln sich schlimmsten Falls nur eine weitere
Vorstrafe ein.

Hund-MG:
Gesunde Hunde durch gesundes Futter? Welche Rolle spielt die Futtermittelindustrie bei der Gesundheit unserer Hunde?


C.J.:
Würden Sie sich ihr Leben lang ausschließlich mit Fastfood aus dem Hause des Zuckerriegelherstellers Mars ernähren? Ich jedenfalls nicht. Ansonsten siehe oben.

Hund-MG:
Erik Zimen sagte in einem Interview der Zeitschrift Wuff aus dem Jahre 2001: "Es handelt sich bei der Zucht vieler Rassen heute um fortgesetzte Tierquälerei, die sicherlich, wenn wir die Gesetze richtig ahnden würden, unter Verbot gestellt würde." Neun Jahre später unterhalten wir uns immer noch über dieses Problem! Wie schätzen Sie die Chancen ein,
hier bald zu einer akzeptablen Lösung zu kommen?


C.J.:
Leider hat Erik Zimen recht und wenn er noch unter uns wäre, würde er es heute noch schärfer ausdrücken. Das Positive in diesen Tagen ist, dass das Thema langsam in der Öffentlichkeit ankommt. Das heile Hundewelt-Gesülze wird nicht mehr lange aufrecht erhalten werden können. Die realen Zustände sind so skandalös, dass, wenn sie einmal bekannt
werden, sofort eine Änderung der Zustände gefordert wird. In Großbritannien hat ein Film die Lawine losgetreten. In Deutschland arbeiten wir noch daran.

Hund-MG:
Danke für dieses Interview! Ich denke, wir konnten durch dieses Interview einigen Hundehaltern einen guten Einblick in die Problematik geben. Wer sich weiter informieren möchte, dem möchte ich folgendes Empfehlen:


Petwatch Blog
Schwarzbuch Hund
Dotmunder Appell
Katzen würden Mäuse kaufen