Donnerstag, 23. September 2010

Zwang in der Hundeerziehung - Ein Vortrag mit Thomas Baumann

Mit einer fast meditativen Ruhe zwingt Thomas Baumann einen aggressiven Hund ins erwünschte Verhalten.

Baumann arbeitet mit Hunden, die teilweise von ihren Besitzern schon aufgegeben wurden. Da sind auch Hunde bei, die Menschen bereits schwer verletzt haben.

Moderne Strömungen in der Hundeerziehung fordern gerade bei diesen Hunden pauschal, einen vollständigen Verzicht auf Zwang und lehnen körperliches Bedrängen genau so ab, wie den Einsatz von Halti, Leinenruck oder Wassersprüher. Viele der Kunden von Baumann wurden bereits durch diese modernen Hundeschulen geschickt und nach langem Experimentieren lautet der Ratschlag nicht selten: "Ihren Hund sollten Sie besser einschläfern!".

Thomas Baumann ist kein harter! Er sieht Zwang nicht als einziges vernünftiges Mittel an. Er lehnt die extremen Strömungen vollkommen ab. Die extremen Wattebauschwerfer, genau so, wie die extremen Brutaloerzieher.

Einige Menschen, sind deshalb verwirrt, wenn sie Baumann sehen und hören, denn er passt nicht in eine Schubladen. Er ist kein Harter und kein Weicher! Er ist einfach nur Hundetrainer, der Hunde liebt und deshalb auch auf Zwang nicht verzichten will.

Am 21.09.10 hielt Baumann in Düsseldorf einen Vortrag über Zwang in der Hundeerziehung. Er sprach sehr mutig, ehrlich und offen über dieses brisante Thema.

Dies führte auch dazu, dass bei einigen Zuschauern die Emotionen überkochten. Über Videos zeigte Baumann wie auf das massive Fehlverhalten eines Hundes mit Leinenruck oder Wasserspritzen reagiert wird. Auf mich wirkte dieses Vorgehen zu keinem Zeitpunkt, wie ein brutales unkontrolliertes Einwirken, sondern wie ein präziser, sehr gut durchdachter auf den Hund individuell abgestimmter Einsatz von Zwang!

Baumann ist sehr ruhig und konzentriert bei seiner Arbeit! Er kann immer genau erklären, weshalb und wie er Zwang einsetzt. Brüllen, Wutausbrüche und unkontrollierte Gewalt war nie zu sehen und wird von Thomas Baumann auch deutlich abgelehnt. Hunde werden von ihm nach erforderlicher Maßregelung auch immer wieder sozial aufgefangen. Loben und Streicheln ist fester Bestandteil seiner Arbeit mit Hunden.

Einige Zuhörer schienen trotzdem nicht bereit, sich mit Zwang in der Hundeerziehung sachlich auseinanderzusetzen. Besonders das Einwirken mit der Leine wurde kritisiert. Vielleicht ist der Leinenruck schon zu einem Pseudonym für grobe Brutalität in der Hundeerziehung geworden! Keiner der
Kritiker fragt sich, ob beim richtigen Einwirken mit der Leine (nach unten aus dem Handgelenk) es tatsächlich für den Hund schädlich sein kann. Leinenruck wird pauschal abgelehnt ohne einzuräumen, dass vielleicht nur das falsche Anwenden dieser Technik abzulehnen ist. Einige Zuhörer überhörten auch, dass die vorgestellten Hunde schon Menschen verletzt haben und bereits ihre Chance in zahlreichen Hundeschulen bekommen haben, die zwanglos arbeiten.

Wer es schaffte den emotionalen Vorhang zur Seite zu schieben, der hat an diesem Abend sehr viel über Zwang als mögliches Mittel - nein - als notwendiger Bestandteil in der Hundeerziehung erfahren.

Baumann beleuchtete die Methoden der Verhaltenssteuerung und nannte dabei Motivation, Ablenkung, Ignorieren und Zwang. Grundsätzlich verteufelte er keine dieser Möglichkeiten, sprach sich aber auch für das mögliche Ausüben von Zwang aus, wenn die anderen Möglichkeiten keinen Erfolg bringen können.

Er zeigte mit vielen Videobeispielen, wie Zwang der Situation und dem Hund entsprechend angewendet werden kann. Hier warnte er auch immer wieder vor den Gefahren durch die falsche Anwendung von Zwang.

Videos über seine Arbeit mit Kunden machten schnell klar, wie genau und intensiv am richtigen Einwirken gearbeitet werden muss. Immer wieder mahnte und demonstrierte er auch, dass der Hund nach dem Einwirken
emotional wieder aufgefangen werden muss. Dies unterscheidet ihn sehr deutlich von Kollegen, die Annäherungsversuche des Hundes bewusst ignorieren und den Konflikt nicht wieder auflösen.

Teil des Vortrags war auch ein Videoausschnitt aus dem Tierheim Mönchengladbach, der viele im Saal sehr beeindruckt hat. Thomas Baumann demonstrierte, wie durch festigen des Führungsanspruchs über Zwangseinwirkung, ein Hund ruhig an einen anderen Hund vorbeigeführt werden konnte. Eine Situation, bei der der Hund sonst immer außer Kontrolle geriet und sogar den Hundeführer angegriffen hat.

Gefährlich kann es werden, wenn Besucher dieses Vortrags nicht verstanden haben, wie komplex das Thema ist. Ein unüberlegtes und falsches Anwenden von Zwang kann genauso gefährlich sein, wie ein vollständiger Verzicht auf jede Form von Zwang. Das betonte Thomas Baumann auch!

Es wurde auch nicht dazu aufgerufen, jeden Hund nun pauschal mit Wasserrpritzen, Leinenruck oder Anrempeln zu erziehen. Es wurde zu einem überlegten und fachgerechten Umgang mit Zwang aufgerufen! Das beinhaltet auch, Zwang nur da einzusetzen, wo es nötig ist.

Kritik wird Baumann ganz sicher bekommen! Im Internet gehen die Schläge gerne schon mal richtig unter die Gürtellinie. In Internetforen wird häufig auf verbale Gewalt ungern verzichtet. Dies ganz besonders von Menschen, die sich für Hundeerziehung ohne Zwang stark machen. Damit musste Baumann rechnen, als er sich entschieden hat mit dem Thema in die Öffentlichkeit zu gehen. Deshalb finde ich es klasse, dass er trotzdem dieses heiße Eisen einmal sehr sachlich angepackt hat.

In gut informierten Kreisen wird gemunkelt: So manche Hundeschule, die den ausschließlich sanften Weg im Prospekt stehen hat, wendet Zwang an. Gesprochen werden darf darüber aber nicht, denn das ist schlechte Werbung!