Freitag, 11. Februar 2011

Hundepolitische Expertenrunde

Am 12.01.2011 berichtete Stern-TV über einen Beißunfall mit einem Rottweiler. Der Innenminister aus Sachsen Anhalt, Holger Hövelmann, wurde neben dem Opfer, als einziger zu diesem Problem befragt. Fachleute mit nötigem Wissen über Hundeverhalten, waren in der Sendung leider nicht eingeladen.

Christine Holst (Hundetrainerin und Mitglied der Pet-Group) schrieb Stern-TV an, um darauf hinzuweisen, dass die Suche nach einer geeigneten Lösung nicht ohne Experten funktionieren kann. Dabei wies Sie auch auf eine Veranstaltungen in Hessen hin, bei der sich anerkannte Hundeexperten mit Politikern austauschten um gemeinsam sinnvolle Lösungen zu suchen.

Da Stern-TV das Thema gefährliche Hunde aufgenommen hat, wäre es zumindest sinnvoll gewesen in einer Folgesendung, über Lösungsansätze zu berichten.

Auf den Hinweis von Christine Holst, wies die Redaktion von Stern-TV aber nur darauf hin, dass bei 2 Stunden Sendezeit für einen entsprechenden Bericht kein Raum bleibt.

Als im Jahre 2000 ein Kind von einem Hund getötet wurde, versuchten Politiker in Deutschland die Bevölkerung zu schützen. Leinenzwang und Maulkorbpflicht sollten das Problem lösen.

Eine richtige Hysterie in Teilen der Bevölkerung wurde von den Medien ausgelöst. Angst und Schrecken brachten Quote und bildeten das BILD der Bestie Hund.

Die Stimmen der Hundeexperten wollten, damals wie heute, nur wenige Politiker hören. Das Wort "Menschenschutz" machte medienwirksam die Runde und der Gesetzgeber handelte mit starker Hand - aber ohne Verstand.

Die Hilflosigkeit einiger Politiker wird deutlich, wenn nach einem Beißunfall mit einem Hund, für den Leinen- und Maulkorbpflicht besteht, von einer Verschärfung der Leinen- und Maulkorbpflicht gesprochen wird.

Politiker verstecken sich häufig hinter Statistiken deren Aussagekraft sehr fragwürdig ist, wenn sie auf die Wirksamkeit ihrer Maßnahmen angesprochen werden.

Schwere Beißunfälle mit Hunden sind zum Glück selten. Unfälle im häuslichen Bereich, geschehen leider häufiger und hier ist der Gesetzgeber gefordert. Rasselisten, Leinen- und Maulkorbpflicht können in diesem Fall nicht als pauschales Heilmittel herhalten.

Im Fall des Kindes, das im Jahr 2000 von einem Hund getötet wurde, war der Hundehalter bei der Polizei bereits wegen mehrerer Delikte bekannt.
Zeugen sagten vor Gericht aus, dass der Angeklagte seinen Hund mit einer schweren Kette um den Hals "trainieren" ließ.

Wieso haben die Behörden hier nicht im Vorfeld konsequent gehandelt?

Am 26.08.2010 trafen sich Politiker und Hundeexperten in Wiesbaden, um nach zehn Jahren sinnvolle Lösungen zu finden.

Anwesend waren unter anderem:

Günther Bloch (Wolfsforscher und Hundeexperte)
Dr. Udo Gansloßer (Biologe)
Ursula Hamann (Die Grünen)
Ewald Roth (Die Grünen, MdL)
Veronika Winterstein (Die Grünen, Vizepräsidentin a.D.)
Dr. Judith Pauly-Bender (SPD)
Vertreter der Polizei Hundestafel
Vertreter von Tierheimen
Hundeschulen
Tierschutzorganisationen
Vertreter des VDH
Tierärzte
Kommunale Ordnungsbehörden
und der Landestierschutzbeirat

Dr. Udo Gansloßer erklärte, wie sinnvoll ein Wesenstest für Hunde ist, um über die potentielle Gefährlichkeit des Tieres zu entscheiden. Deutlich erklärte er, wie ein Wesenstest aufgebaut sein sollte, der seinem Namen gerecht wird.
Schnell wurde klar, dass zumindest das Massentesten von Hunden nicht praktikabel ist, wenn wissenschaftlich fundiert getestet werden soll.

Ist es sinnvoll bestimmten Hunderassen eine gesteigerte Gefährlichkeit zu unterstellen? Gansloßer brachte es auf den Punkt, als er erklärte, wie wenig die Genetik eine Rolle spielt, wenn es um die Gefährlichkeit eines Hundes geht.

Das Thema gefährlicher Hund, brachte Günther Bloch auf den Punkt, als er erklärte, "Aggression bedeutet nicht automatisch Gefährlichkeit" und aufzeigte, wie ein Hund allein schon durch ein gesteigertes Beutefangverhalten gefährlich werden kann.

"Die Hundegesetze haben eine Verschlechterung der Lebensqualität für unsere Hunde gebracht aber die Anzahl der Beißunfälle sind gestiegen", sagte Bloch deutlich.

Den Experten ist es an diesem Abend schnell gelungen, die Wirkungs- und Sinnlosigkeit bestehender Gesetze aufzuzeigen.

Auf sinnvollle Maßahmen zum Schutz der Bevölkerung soll aber auf keinen Fall verzichtet werden! Dies wird in den Forderungen der Experten erkennbar, die im "Wiesbadener Manifest" zusammengefasst wurden.

Das Wiesbadener Manifest:

Wir möchten erreichen, dass alle Hunde – unabhängig von Größe und Rasse -artgerecht gehalten werden können und so geführt werden, dass der Hund weder als Belästigung noch als Gefahr empfunden wird. Die Einführung sogenannter Rasselisten in die Hunde-Verordnungen hat ihr Ziel, die Bevölkerung besser vor gefährlichen Hunden zu schützen, nicht erreicht: Die Zahl der Beißvorfälle ist um mehr als das Doppelte gestiegen. Nicht die Rassezugehörigkeit, sondern Unwissenheit und menschliches Fehlverhalten sind neben Erziehungsfehlern und schlechter Haltung die Hauptursachen für Vorfälle mit Hunden. Der caritative Tierschutz ist überfordert, all die Halterversäumnisse und gesetzlichen Pflichtenlücken aufzufangen.

Der Ansatz am "anderen Ende der Leine" - nämlich beim Hundehalter - ist für Tierschutz, Sicherheit und gutes soziales Miteinander alternativlos.

Die Politik muss umdenken, die Rasselisten abschaffen und einen Halterkunde-Nachweis einführen.

Fachleute und Hundehalter fordern deshalb von Kommunen, Landesregierungen und Bundestag:

1.die Einführung einer Halterschulung vor der Anschaffung eines Hundes unabhängig von der Rasse
2.die Sicherstellung ausreichender Freilaufmöglichkeiten für die tierschutzgerechte Haltung der Hunde
3.eine Pflicht zum Abschluss einer Tierhaftpflichtversicherung für alle Hunde
4.eine Identifikationsmöglichkeit durch Chip oder Tätowierung, um alle Tiere zurückverfolgen zu können

"Wiesbadener Initiative für Halterschulung" Landestierschutzverband Hessen, beratende Unterstützer Günther Bloch (Wolfs- und Hundeexperte), Dr. Udo Gansloßer (Verhaltensbiologe für Hunde).


Das Manifest mit Unterschriftsliste als PDF zum Download »


Einzelheiten des gesamten hundepolitischen Abends kann in diesem Protokoll nachgelesen werden.

Über die im Wiesbadener Manifest geforderte Halterschulung wurde am 23.11.2010 im hessischen Landtagdiskutiert.

Eingeladen haben die SPD Fraktion des Landtags, der Bund gegen Missbrauch der Tiere, der Landestierschutzverband Hessen und die Grünen-Fraktion.

Die Anwesenden waren weitgehend einig, die Listung bestimmter Rassen, als potentiell gefährliche Hunde im Landeshundegesetz, abzuschaffen. Stattdessen sollen Halter im Vorfeld besser geschult werden.

Es wurden Vorschläge gesammelt, die von den Politkern unbedingt berücksichtigt werden sollen.

Weiter Informationen:

http://www.pet-group.de/index.php/aktuelles/213-pressemitteilung-qhalterkunde-statt-rasselisteq