Mittwoch, 12. Dezember 2012

Beutelfrust mit Hund

Vor einigen Tagen zog ich mit meinem Hund durch Wald und Wiesen und sah aus der Entfernung eine Frau, die von ihrem Hund über den Weg gezogen wurde. Als ihr Hund meinen Hund entdeckte, sprang er sofort in die Leine und versuchte durch ständigen Leinenruck, seine Besitzerin zum loslassen der Leine zu bewegen. Mit viel Fingerspitzengefühl fingerte die Frau mit der freien Hand in Ihrer Jackentasche rum und zog ihre Waffe – einen Futterbeutel.

Ihr aufgedrehter Hund merkte davon aber nichts und deshalb gab sie in heller und freundlicher Stimme immer wieder den Hinweis: “Na, schau mal hier! Schauen! Guck mal! Hiiiiiiiiier!“

Ohne Erfolg!

Im großen Abstand voneinander kam ich mit der Hundehalterin ins Gespräch. Sie glaubt fest daran, dass der zweijährige Rüde noch Zeit braucht, damit er auch in solchen Situationen über den Futterbeutel steuerbar ist.

Ihr Hundetrainer sieht das aber anders und hat situationsbezogen durch körperliches Bedrängen oder Stupsen den Hund auch schon mal klare Grenzen gesetzt.

Mittlerweile kann der Hund vom Hundetrainer sicher an andere Hunde vorbei geführt werden. Schön aber hilft der Hundehalterin wenig!

Die Hundehalterin erzählte mir, dass sie ihre Kinder nie geschlagen hätte und auch ihren Hund gewaltfrei erziehen möchte.

Das Gespräch brachte mich zum Nachdenken! Von Schlagen und Gewalt sprach die Hundehalterin, wenn von körperlichen Bedrängen und Stupsen gesprochen wurde. Verzweifelt versuchte sie den Kontakt zum Hund über einen Futterbeutel herzustellen und verglich das mit der Erziehung ihrer Kinder.

Natürlich hat die Halterin schon bemerkt, dass man mit Hunden nicht reden kann, wie mit einem Kind. Deshalb ist es nicht möglich, eine Strafe in einer Situation verbal anzukündigen. “Wenn Du nicht aufhörst ständig an der Leine zu ziehen, gehe ich drei Tage nicht mit Dir raus!“, ist für den Hund eine sinnlose Androhung. Der Futterbeutel war die einzige Krücke, die sie nutzen konnte. Dieser Beutel ist für den Hund aber nur so lange reizvoll, bis ein stärkerer Reiz kommt.

Einige Experten raten, den Reiz des Futterbeutels zu erhöhen. Entweder durch Futterentzug oder durch ein Training. Im letzten Fall soll der Hund so trainiert werden, dass schon der Anblick des Beutels reicht und die gesamte Umwelt wird ausgeblendet. Vergleichbar ist dies mit Menschen, die süchtig sind! Sind diese Methoden wirklich gewaltfreier, als ein Bedrängen des Hundes?

Handfütterung und auch der Einsatz eines Futterbeutels können tolle Werkzeuge sein, wenn der Hundehalter versteht damit umzugehen. Wird der Hund für sein ruhiges Verhalten über den Futterbeutel belohnt oder bekommt der Hund über den Futterbeutel eine Aufgabe, die ihn beschäftigt und auslastet ist alles wunderbar.

In bestimmten Situationen mag auch ein Ablenken mit dem Beutel sinnvoll sein.

Bemerke ich aber, dass ich mit einer Methode keinen Erfolg oder kein dauerhafter Erfolg erzielt werden kann, dann sollte eine andere Methode ausprobiert werden. Ratschläge kann man sich bei Hundetrainern holen.

Solange ein Hund aber keinen Schaden anrichtet oder andere Menschen belästigt, bleibt die Erziehungsmethode aber erst einmal eine Entscheidung der Hundehalter.

Leider passiert es aber auch, dass Hunde, die sich grenzenlos entwickeln dürfen irgendwann, wegen Überforderung der Halter, im Tierheim landen.

Ein unmittelbares “NEIN“, ein strenger Blick oder auch ein körperliches Bedrängen sind für den Hund Signale, die er verstehen kann. Werden darüber hinaus klare Regeln definiert und Tagesabläufe strukturiert, können Hund und Halter weitgehend konfliktfrei zusammen leben.

Dann macht es auch wieder Spaß mit dem Futterbeutel zu spielen oder damit zu trainieren.

1 Kommentar:

Martina Schoppe hat gesagt…

Es gibt neben Ablenken und Abdrängen noch einige weitere Möglichkeiten.
Das beschriebene Verhalten klingt für mich (Vorsicht, Ferndiagnose ;D ) nach Frust, weil der Hund gerne zu dem anderen Hin möchte.
Daran kann man schön mit "Zeigen und Benennen" arbeiten. Wenn man diesen Begriff googelt, findet man einige Blogartikel darüber, wo man sich erstmal darüber informieren kann. Ich rate aber dazu, mir das von einem Trainer zeigen zu lassen, der schon länger damit arbeitet, weil es dabei, wie immer auch ein paar Stolpersteine gibt.

Was mir aber vielleicht noch viel wichtiger erscheint ist - wenn ich ein Verhalten verstärken möchte (hier, Umorientierung auf den Halter) sollte man a) nicht über Locken arbeiten (den Futterbeutel zeigen, bevor der Hund die Gegenleistung erbracht hat), und b.) überprüfen, welches denn tatsächlich funktionierende Verstärker für den Hund sind - ganz im allgemeinen und in diesen bestimmten Situationen im Besonderen.
Dazu stellt man eine individuelle Belohnungsliste für diesen Hund auf. Ich denke "zu dem anderen Hund dürfen" wäre bei diesem Hund in diesen Situation mit weitem Abstand zu anderen Verstärkern auf Platz eins.
Ein Effizientes Training würde also Situationen herstellen, wo man diesen Verstärker einsetzen kann. Und man würde auch von dem Hund vielleicht anfangs keine vollständige Umorientierung mit ruhigem hinsetzen und anschauen fordern, sondern vielleicht sekundenbruchteil langes Stillstehen mit Ohrenzucken Richtujng Halterin. Hier ist der Einsatz eines Markersignals von unschlagbarem Wert, weil man mit der Hilfe eines Verhaltensmarkers genau diesen Sekundenbruchteil einfangen und dann mit Ableinen und Freigabe verstärken kann.

Wie man Verstärkerlisten aufstellt, kann man hier in unzähligen Beispielen nachlesen: http://www.easy-dogs.net/?id=732

Viel spaß beim Stöbern ;)