Donnerstag, 20. Dezember 2012

Michael Grewe – Canis und die Schläge mit dem Futternapf

Über die sozialen Netzwerke wird aktuell ein Video verbreitet, auf dem zu sehen ist, wie einem Hund ein Futternapf gegen den Kopf geschlagen wird.


Die Empörung wäre wahrscheinlich nicht so groß, wenn auf dem Video nicht Michael Grewe zu sehen wäre.
Michael Grewe ist Hundetrainer, Sachverständiger in Hamburg und Schleswig Holstein, Buchautor und Ausbilder für Hundetrainer. Vor 10 Jahren hat er, gemeinsam mit Erik Zimen, Canis gegründet. Bei Canis bekommen angehende Hundefachleute das nötige Fachwissen vermittelt, um eine Prüfung bei der Tierärztekammer Schleswig-Holstein abzulegen.

Grewe ist eine wichtige und angesehene Persönlichkeit in der deutschen Hundeszene, die nun im Internet beschimpft, beleidigt und bedroht wird.
Die Drohungen sind massiv und richten sich nicht nur gegen Grewe, sondern auch gegen die Hundehalterin und den Schüler von Canis, der den Schlag ausgeführt hat.
Ich finde, in einer Gesellschaft, die Gewalt ablehnt, führen Gewaltandrohungen nur zu einer Gewaltspirale. Hier ist erst einmal Selbstkontrolle und Diskussionsbereitschaft gefragt, sonst ist die Kritik wirkungslos. Wer das Video gesehen hat, wird aber auch verstehen können, was für starke Gefühle es auslösen kann.

Grewe erklärt in einer Stellungnahme, dass der geschlagene Hund schon mehrfach Menschen gebissen hat, in verschiedenen Hundeschulen war und nun eingeschläfert werden sollte.
Er erklärt weiter, dass er, um das Leben eines Hundes zu retten, auch zu solchen Mitteln greift.

Es ist eine moralische Frage, ob das Einwirken mit massiven Methoden erlaubt ist, um das Leben eines Hundes zu retten. Michael Grewe hat diese Frage für sich mit JA beantwortet.

Jenseits der moralischen Frage, stellt sich aber auch noch die Frage, weshalb das massive Einwirken ein Schlag mit dem Fressnapf gegen den Kopf des Hundes sein muss.

Im Film macht der Hund auf mich nicht den Eindruck, als sei er nur mit Schlägen zu beeindrucken. Grewe versprach weitere Videos zu veröffentlichen. Vielleicht zeigt sich der Hund da anders?! Es wäre aber unseriös, wenn ich mir hier ein Urteil erlauben würde.

Ob so ein Schlag das einzige Mittel ist, um das Fehlverhalten mancher Hunde in den Griff zu bekommen, sollten die Menschen diskutieren, die mit aggressiven Hunden arbeiten und entsprechende Erfahrung haben.

Thomas Baumann ist so ein Mensch! Er ist Sachverständiger in Sachsen und hat die nötige Erfahrung in der Arbeit mit aggressiven Hunden.

In seinem Buch “…damit wir uns verstehen“ schreibt Baumann:

Schläge, Tritte oder Stöße passen in keiner Weise in das moderne, ethologisch orientierte Erziehungskonzept guter Hundeausbilder oder –erzieher.

Um extem veranlagte Hunde vor der Euthanasie zu retten, habe ich im Einzelfall auch auf technische Zwangs- und Hilfsmittel wie Krallenhalsband (im Volksmund Stachelwürger), Elektroreizgerät und Beißkorb zurückgegriffen. Und dies ganz sicher nicht, um den Hunden zu schaden. Viel mehr kam und kommt es mir immer darauf an, diesen Extremisten das Leben zu retten. In schätzungsweise neun von zehn Fällen ist mir das auch gelungen. Mit Schlägen hätte ich sicher keinem einzigen Vierbeiner ernsthaft helfen können...
Zwei Sachverständige, keine pauschale Ablehnung von Zwang, die gleiche Motivation aber völlig verschiedene Meinungen, was das Schlagen eines Hundes betrifft.
Grewe sagt in seiner Stellungnahme, dass durch dieses Vorgehen dem Hund geholfen wurde. Baumann sagt, dass er mit Schlägen sicherlich keinem Hund hätte helfen können. Auch hier scheinen Fachleute unterschiedlicher Meinung zu sein!

Die Alternative wäre aber das Einschläfern des Hundes gewesen.
Bedenken wir nur die eventuelle Möglichkeit, dass die Einschätzung von Michael Grewe falsch sein könnte, dann kann der Hund auch jetzt nicht sicher geführt werden. Vielleicht müssen wir einfach realistisch einsehen, dass die Euthanasie das einzige vertretbare Vorgehen hier gewesen wäre!

  • Es ist mir nicht bekannt, ob Michael Grewe vorher Alternativen zum Schlag gesucht und geprüft hat.
  • Es ist mir nicht bekannt, ob man sich im Rahmen der kollegialen Zusammenarbeit, vorher mit unabhängigen Kollegen beraten hat, die hier vielleicht ein anderes Vorgehen befürwortet hätten.
  
Es gibt einige Hundeschulen, die der Meinung sind, dass Hunde nie Stress haben dürfen, Fehlverhalten grundsätzlich ignoriert werden sollte und erwünschtes Verhalten über Futtergabe zu belohnen ist. Einige dieser Hundeschulen setzen dieses Video nun ein, um ihren Kunden zu sagen, dass alle Trainer, die Zwang nicht ablehnen, die Hunde schlagen.
  
Das ist furchtbarer Unsinn und schreckliche Propaganda.
Ich befürchte, dass Canis durch dieses Video einen erheblichen Imageschaden erlitten hat.
Schnell werden nun alle durch Canis ausgebildeten in die Schublade der brutalen Gewalterziehung gesteckt. Zumal Canis bisher nur sehr wenig über Ihr Training mit Hunden veröffentlicht hat und dieses Video nun im Mittelpunkt der Canisarbeit steht. Darüber hinaus hat sich Canis immer werbewirksam als eine “Eliteschule“ für Hundetrainer verkauft. Auch das ist ein Fehler gewesen, denn Hundeerziehung – besonders die Arbeit mit Problemhunden – ist noch weit entfernt davon, eine Elite in Deutschland zu haben.
  
Klappern gehört natürlich zum Handwerk und deshalb sollen solche Anpreisungen auch nicht zu wörtlich genommen werden.
  
Canis ist und bleibt eine gute Möglichkeit, sich ausreichend theoretisches Wissen über Hunde anzueignen und praktische Erfahrungen zu sammeln. Nicht mehr aber auch nicht weniger!
  
Canis ist kein Qualitätssigel und wahrscheinlich ist dies noch nicht einmal die behördliche Anerkennung der Tierärztekammer.
Es gibt gute und schlechte Hundetrainer, es gibt Fehlentscheidungen und Überforderung in allen Berufen. Ob der Mensch nun sein Wissen aus Büchern und durch die Arbeit auf Hundeplätzen oder dem Helfen in Hundeschulen hat oder durch ein Studium bei Canis spielt da kaum eine Rolle.
Egal, wie viele Fehler Grewe, Rütter, Reinhardt, Baumann, Bloch, Nijboer, Matthews etc. gemacht haben, sind diese Fehler noch lange kein Zeichen dafür, dass deren Schüler die gleichen Fehler machen müssen. Schon deshalb wäre eine Pauschalverurteilung aller Canisschüler falsch.
Wir sind gefordert das Gespräch zu suchen und müssen uns im Zweifel an wissenschaftlichen Fakten orientieren. Über die Fakten hinaus sind wir aber auch verpflichtet, die moralische Diskussion gemeinsam zu führen. Es darf nicht sein, dass Einzelpersonen ihre eigenen moralischen Vorstellungen in der Hundeerziehung zum Standart erklären.
Hundeerziehung ist Tierschutz und deshalb eine gesellschaftliche Aufgabe, die von einer Gemeinschaft getragen werden sollte.
  
Ohne Austausch der unterschiedlichen Erziehungsströmungen, wird es immer wieder zu Problemen kommen. Mit der pauschalen Verurteilung eines Menschen oder einer ganzen Organisation ist ein Austausch aber nicht mehr möglich.

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Beutelfrust mit Hund

Vor einigen Tagen zog ich mit meinem Hund durch Wald und Wiesen und sah aus der Entfernung eine Frau, die von ihrem Hund über den Weg gezogen wurde. Als ihr Hund meinen Hund entdeckte, sprang er sofort in die Leine und versuchte durch ständigen Leinenruck, seine Besitzerin zum loslassen der Leine zu bewegen. Mit viel Fingerspitzengefühl fingerte die Frau mit der freien Hand in Ihrer Jackentasche rum und zog ihre Waffe – einen Futterbeutel.

Ihr aufgedrehter Hund merkte davon aber nichts und deshalb gab sie in heller und freundlicher Stimme immer wieder den Hinweis: “Na, schau mal hier! Schauen! Guck mal! Hiiiiiiiiier!“

Ohne Erfolg!

Im großen Abstand voneinander kam ich mit der Hundehalterin ins Gespräch. Sie glaubt fest daran, dass der zweijährige Rüde noch Zeit braucht, damit er auch in solchen Situationen über den Futterbeutel steuerbar ist.

Ihr Hundetrainer sieht das aber anders und hat situationsbezogen durch körperliches Bedrängen oder Stupsen den Hund auch schon mal klare Grenzen gesetzt.

Mittlerweile kann der Hund vom Hundetrainer sicher an andere Hunde vorbei geführt werden. Schön aber hilft der Hundehalterin wenig!

Die Hundehalterin erzählte mir, dass sie ihre Kinder nie geschlagen hätte und auch ihren Hund gewaltfrei erziehen möchte.

Das Gespräch brachte mich zum Nachdenken! Von Schlagen und Gewalt sprach die Hundehalterin, wenn von körperlichen Bedrängen und Stupsen gesprochen wurde. Verzweifelt versuchte sie den Kontakt zum Hund über einen Futterbeutel herzustellen und verglich das mit der Erziehung ihrer Kinder.

Natürlich hat die Halterin schon bemerkt, dass man mit Hunden nicht reden kann, wie mit einem Kind. Deshalb ist es nicht möglich, eine Strafe in einer Situation verbal anzukündigen. “Wenn Du nicht aufhörst ständig an der Leine zu ziehen, gehe ich drei Tage nicht mit Dir raus!“, ist für den Hund eine sinnlose Androhung. Der Futterbeutel war die einzige Krücke, die sie nutzen konnte. Dieser Beutel ist für den Hund aber nur so lange reizvoll, bis ein stärkerer Reiz kommt.

Einige Experten raten, den Reiz des Futterbeutels zu erhöhen. Entweder durch Futterentzug oder durch ein Training. Im letzten Fall soll der Hund so trainiert werden, dass schon der Anblick des Beutels reicht und die gesamte Umwelt wird ausgeblendet. Vergleichbar ist dies mit Menschen, die süchtig sind! Sind diese Methoden wirklich gewaltfreier, als ein Bedrängen des Hundes?

Handfütterung und auch der Einsatz eines Futterbeutels können tolle Werkzeuge sein, wenn der Hundehalter versteht damit umzugehen. Wird der Hund für sein ruhiges Verhalten über den Futterbeutel belohnt oder bekommt der Hund über den Futterbeutel eine Aufgabe, die ihn beschäftigt und auslastet ist alles wunderbar.

In bestimmten Situationen mag auch ein Ablenken mit dem Beutel sinnvoll sein.

Bemerke ich aber, dass ich mit einer Methode keinen Erfolg oder kein dauerhafter Erfolg erzielt werden kann, dann sollte eine andere Methode ausprobiert werden. Ratschläge kann man sich bei Hundetrainern holen.

Solange ein Hund aber keinen Schaden anrichtet oder andere Menschen belästigt, bleibt die Erziehungsmethode aber erst einmal eine Entscheidung der Hundehalter.

Leider passiert es aber auch, dass Hunde, die sich grenzenlos entwickeln dürfen irgendwann, wegen Überforderung der Halter, im Tierheim landen.

Ein unmittelbares “NEIN“, ein strenger Blick oder auch ein körperliches Bedrängen sind für den Hund Signale, die er verstehen kann. Werden darüber hinaus klare Regeln definiert und Tagesabläufe strukturiert, können Hund und Halter weitgehend konfliktfrei zusammen leben.

Dann macht es auch wieder Spaß mit dem Futterbeutel zu spielen oder damit zu trainieren.