Montag, 8. April 2013

Ein Kangal zwischen Herde, Tierheim und Familie

Mit Maulkorb wurde die Hündin angebunden in den Weinbergen gefunden. Sie wurde ins örtliche Tierheim gebracht, das nun die Aufgabe hatten, für den Hund einen neuen Besitzer zu finden.

Die Tierheimmitarbeitern wussten, dass der Kangal kein einfacher Hund ist. Der Maulkorb, den er trug lies schlimmes vermuten.

Kangals sind Herdenschutzhunde, die gezüchtet wurden, um Herden vor Raubtieren zu schützen. Sie sind häufig sehr wachsam, territorial und entscheiden selbstständig. Diese gewünschten Charaktereigenschaften können, außerhalb der Herde, zu Problemen führen.

Als Maria sich in die Kangaldame aus dem Tierheim verliebte, wusste sie von diesen Dingen nichts. Die Tierheimleitung zögerte erst, gab aber dann die Hündin doch an Maria. Nun war Maria plötzlich Kangalhalterin.

Ihr Hundewissen sollte sie nun in der "Schule des Lebens" vermittelt bekommen.

Bei den ersten Spaziergängen im Tierheim zeigte sich Tara, wie wir die Hündin in diesem Text nennen, etwas ängstlich und zurückhaltend. Beim erneuten Besuch bellte sie Maria schon drohend entgegen.

Ein Test sollte zeigen, wie sich Tara mit der Katze im Haus verstehen wird. Sie bestand nicht nur den Test, sondern überzeugte sogar durch einen liebevollen und zärtlichen Umgang mit der Katze.

Tara durfte bleiben!

Sie war im Haus eine wundervolle Hündin, die sich aber in eine Bestie verwandelte, sobald das Haus verlassen wurde. Es wurde von Tag zu Tag schwieriger. Sie rastet an der Leine völlig aus, wenn sie andere Hunde begegnet. Ein friedlichen Umgang mit anderen Hunden zeigt sie aber, wenn die Leine ab ist.

Nun könnte die Lösung sein, den Hund einfach ohne Leine laufen zu lassen. Was übrigens für viele Hunde eine gute Lösung wäre, wenn es nicht die Hundegesetze der Länder und den darin verankerten Leinenwahn gäbe.

Maria hat aber noch ein anderes Problem mit Tara, das viel schwerwiegender ist. Die Hündin fällt jeden Menschen an, der ihr entgegen kommt.

In der Familie lebt also nun ein Traumhund, der aber auch Menschen gefährdet.

Maria war fest entschlossen, den Hund nicht zurück ins Tierheim zu bringen, sondern ihn zu trainieren und zu therapieren.

Es folgte eine Reise durch verschiedene Hundeschulen der Region.

Eine Schule arbeitete an Sitz, Platz - Platz, Sitz im Wechsel und empfahl den Hund zu schütteln, weil dieser sich den Anordnungen widersetzt.

Das Thema Dominanz wurde von vielen Hundeschulen aufgenommen und als empfohlenes Mittel gegen diese Dominanz, sollte der Hund beispielsweise umgeschmissen werden.
Grundsätzlich wurde auch das Halti empfohlen, allerdings war keine Schule in der Lage, den richtigen Umgang mit dem Halti zu zeigen. Tara hat sich immer wieder blitzschnell aus dem Halti rausgewunden.

Neben den Hundeschulen die alles mögliche versucht haben, gab es auch noch einige, die sofort oder nach kurzer Zeit gesagt haben, dass das alles keinen Zweck habe.

Nicht sehr hilfreich für Maria und Tara!

Maria gab nicht auf, sondern machte das, was viele Hundehalter machen, die von Hundeschulen nicht oder falsch beraten werden. Sie informierte sich selbst! Bücher über Hunde, Hundeerziehung und speziell über Herdenschutzhunde wurden gekauft. Maria telefonierte sehr viel und fand dann schließlich doch noch eine kompetente Trainerin, die sie unterstützen konnte.

Vor dem Training wurde Tara medizinisch untersucht, um physische Ursachen auszuschließen.

Durch Fachliteratur und fachkundiger Anleitung lernte Maria das Verhalten von Tara zu verstehen. Sie erkannte, wie unsicher die Hündin eigentlich ist. Sie erschreckt bei vielen Dingen und zeigt sich nicht dominant. Die Ratschläge der zahlreichen Hundeschulen waren nicht nur falsch, sondern auch schädlich!

Hundebegegnungen werden nun von Maria unter Ablenkung trainiert. Meist klappt das auch ganz gut. Mit Blockieren des unerwünschten Verhaltens, durch Begrenzen, Leinenruck oder vergleichbarem hatte Maria keinen Erfolg. Das verschlimmerte das Verhalten und steigerte den Widerstand des Hundes.

Tara wird von Maria nur noch an der Schleppleine geführt. Anfangs ging Maria nur noch mit ihrem Freund zusammen mit Tara. Während einer die Aufgabe hatte, Tara zu halten, lief der andere vor und begrüßte die Leute freundlich mit Handschlag, damit Tara lernt, daß der Fremde keine Gefahr ist. Ein gutes Konzept, denn Hunde können tatsächlich durch Beobachtung lernen und Tara lernte schnell.

Zusätzlich wurde auch sehr viel mit Lob gearbeitet, wenn der Hund erwüschtes Verhalten zeigt.

Gefährliche Situationen gab es aber immer wieder.

Als Tara noch ohne Schleppleine lief, hat sie Menschen in Ihrem Revier bedroht. Auch wurden schon mal nach Leuten geschnappt, die sie unvermittelt angefasst haben.

Wie viele Herdenschutzhunde ist auch Tara sehr territorial. An fremden Orten ist sie harmlos. Maria ist sogar mit ihr schon über eine Hundeausstellung gegangen. Sobald sie aber fünf Minuten an einem Platz ist, kann es sein, daß dieser Platz dann von ihr verteidigt wird.

Der neue Wohnort von Tara ist ein eingezäuntes Haus, wo der Hund nur am Tor Aussicht nach draußen hat. Ansonsten ist das gesamte Grundstück nicht einsehbar. Ideal für einen territorialen Hund.

Maria hat durch ihren intensiven Einsatz dem Hund ein lebenswertes Leben ermöglicht. Sie wird ausschließlich mit Schleppleine geführt. Hundebegegnungen laufen, bis auf wenige Ausnahmen, sehr entspannt. Fremde dürfen sie nicht anfassen und da achtet Maria auch drauf. Der Umzug in ein neues Haus brachte den idealen Lebensraum für die Hündin.

Allerdings sagt Maria heute, dass sie nicht sicher sei, ob sie sich für Tara entschieden hätte, wenn sie das alles gewusst hätte.

Ich schreibe diese Geschichte, um andere Menschen zu motivieren, sich den Problemen zu stellen, falsche Berater zu ignorieren und einfach selbst die Dinge in die Hand zu nehmen. Hundeexperte für den eigenen Hund kann und soll jeder werden.

Damit Tara und Maria nicht Opfer von übereifrigen Behörden werden, habe ich die Namen von Hund und Halterin geändert. Sie kommen auch nicht aus Mönchengladbach! Diese Info nur, damit hier nicht Menschen verdächtigt werden, die zufällig auch einen Kangal halten.